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21.11.2011 von Wolfgang Messer.
Eine kleine Revolution startet das ARD-Fernsehen - zufällig in einem Schaltjahr: Schon ab 1. Januar 2012 sollen Werbung und Trailer nicht mehr lauter sein als das “normale” Programm. Das ZDF hat angekündigt, ebenfalls 2012 eine derartige Regelung einzuführen, das österreichische ORF will damit im Lauf des ersten Quartals loslegen und das Schweizer Fernsehen SRG hat als Stichtag den 29. Februar. Wer öfter mal hektisch zur Fernbedienung gegriffen und die Stummschaltung gedrückt hat, um beim ersten Spot eines Werbeblocks keinen Hörsturz zu erleiden, der wird die segensreiche Tragweite dieser Entscheidung sofort begreifen. Die ARD erklärt das so:
“Zu große Lautstärkeunterschiede am Übergang von Programm zu Werbung können zu Zuschauerbeschwerden führen. Die Akzeptanz von TV-Werbung kann darunter leiden!”
Tatsache ist, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten bei Sendern und Produzenten ein wahrer Lautheitskrieg (”loudness war”) entwickelt hat, bei dem natürlich auch die Werbewirtschaft mit immer neuen und extremeren Tricks versucht, ihre Spots aus dem großen Klangbrei irgendwie herausragen zu lassen.
Diesem Krieg werden zwar gewisse Grenzen gezogen - nicht durch die UNO-Menschenrechtskonvention (obwohl das häufig angebracht wäre), sondern durch die technische und administrative Limitierung des Maximaltonpegels einer TV- oder Radio-Ausstrahlung. Werbespots können deshalb nicht wirklich lauter sein als das Programm. Dass sie dennoch lauter klingen, liegt am gnadenlosen Anheben aller leiseren Stellen, bis alles auf dem höchstmöglichem Lautstärkeniveau “glattgebügelt” (komprimiert) ist und damit die Dynamik (der Unterschied zwischen der leisesten und der lautesten Stelle des Spots) fast “Null” ist.
Dazu kommen dann noch diverse Schweinereien bei der Bearbeitung des Frequenzgangs und der Einsatz von Geräten und Software-Plug-ins, die sich zum Beispiel “Finalizer” nennen (wie der Name schon nahelegt, können die bei extremer Einstellung für den endgültigen Exitus eines sensiblen Gehörs sorgen). Die brutale Steigerung der Lautheit kann jedenfalls nach ARD-Ansicht zu “unnatürlichem Klangeindruck, akustischem Stress” und “dem Verlust von Klangqualität” führen. Wahre Worte, die nicht nur für Werbespots gelten.
Der Effekt dieser Komprimierung lässt sich sowohl sehen als auch hören. Ich habe dazu mal einen Phantasie-Werbespot völlig ohne Komprimierung oder Klangbearbeitung (”linear”) gesprochen und diese Aufnahme anschließend heftig modifiziert. Im Bearbeitungsfenster des Audioprogramms ProTools sieht das so aus:
Im oberen Bild mit der Originalaufnahme sehen Sie deutlich die großen Lautstärkeunterschiede in der Wellenform, unten sind fast alle Signalspitzen auf dem gleichen, hohen Niveau. Wenn Sie auf einen “Play”-Button oder eines der Bilder klicken, hören Sie die jeweilige Spot-Version. Vermutlich sagen Sie dann: “Aber die untere ist doch mit viel höherem Pegel aufgenommen als der obere!” Nein, ist sie nicht, beide Versionen haben exakt den gleichen Maximalpegel (0 dB auf einem rtw-Peakmeter), aber die “Lautheit” unterscheidet sich gewaltig - etwa so wie der Dialogton einer ARD-Vorabendserie vom dazwischen laufenden Werbeblock.
Damit soll nun Schluss sein. Ab Januar ist bei der ARD nicht mehr der Maximalpegel eines Spots maßgeblich, sondern ein “gewichteter Mittelwert”. Damit soll die Lautheit eines Beitrags “objektiv, reproduzierbar und vergleichbar” zu messen sein. Eine Einheit gibt’s dafür auch: LUFS (Loudness Units Full Scale). Die Regelungen dafür wurden schon 2010 von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) und der Europäischen Rundfunkunion (EBU) erarbeitet, teilweise werden sie in den USA und Europa schon per Gesetz oder freiwillig umgesetzt, in Frankreich und den Niederlanden gibt es dafür ab nächstes Jahr gesetzliche Vorgaben.
Die ARD setzt ab Januar auf die Produktionsrichtlinie „EBU R128″ (links das Logo mit der stilisierten “128″) und genau definierte LUFS-Maximalwerte, die auch bei der Produktion des “normalen” Programms angewendet werden. Deren Einhaltung kann nur mit Hilfe von neuen, teuren Messgeräten kontrolliert werden - bisherige Studio-Pegelmesser sind dafür nutzlos. Spots, die über den Werten liegen, wird das ARD-Sendezentrum nicht mehr annehmen, sie können aber in der Werbespotbearbeitung der “WDR mediagroup” lautheitsnormiert über ein Messgerät eingespielt werden, falls das Produktionsstudio selbst dazu nicht in der Lage ist. Ältere Spots aus dem Archiv sollen dort mit einer Spezial-Software nachbearbeitet werden, damit wirklich kein Werbeblock mehr “Lautheits-Ausreißer” hat.
Die Freude über diesen radikalen Schritt hält sich bei mir jedoch in Grenzen, weil ausgerechnet das öffentlich-rechtliche Fernsehen vorprescht, das nach 20 Uhr ohnehin keine nervige Unterbrecherwerbung in seine Spielfilme und Shows knallen darf. Weder von den bekannten privaten TV-Werbespot-Brüllern noch von öffentlich-rechtlichen oder privaten Radiosendern sind bisher konkrete Pläne zu hören, nur etwa die vage Aussage des ProSiebenSat.1-Vermarkters “SevenOne Media”: “Wir prüfen derzeit, inwieweit die Richtlinie uns betrifft und werden dann entsprechend reagieren”. Bleibt also immerhin die Hoffnung, dass eine positive Resonanz von Zuschauern und Werbetreibenden auf die „EBU R128″-Lautheitsbegrenzung für Nachahmer sorgen könnte.
Richtig fabelhaft wäre es, wenn damit sogar ein erster Schritt hin zu einem Ende des auch in der Musikbranche eskalierten “loudness war” getan werden könnte. Aber das sage ich jetzt nur ganz leise …
Update 16.12.: Überraschend gibt es nun offenbar doch schon eine Einigung zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Sendern über die Umsetzung der EBU-Norm. Beabsichtigt ist eine gemeinsame Harmonisierung der “Lautheit” innerhalb des gesamten Programms ab dem 31. August 2012, dem ersten Tag der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin.
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1.11.2011 von Wolfgang Messer.
Eine Auswahl von “Selbstbezichtigungen” publizierte die “taz” heute im “taz-Hausblog” und auf ihrer Website:
Vier Mitarbeiter erzählen dort von jeweils einem Fall, bei dem die Berichterstattung erst von Dritten durch Finanzierung oder Lieferung von vermeintlichen Hintergrundinformationen ermöglicht wurde. Die veröffentlichten Artikel nach diesen fremdgesteuerten “Recherchen” ließen deshalb nach Ansicht der Journalisten zumindest die kritische Distanz vermissen oder stellten sich sogar schlicht als falsch heraus.
Dieser Versuch eines offenen Umgangs mit journalistischer Korrumpierbarkeit (deren Beispiele aber schon Jahre zurückliegen) mag ehrenvoll sein, ist aber nur ein Surrogat von Transparenz, allenfalls ein Anfang, wie auch “taz”-Mitarbeiter Sebastian Heiser erklärt:
“Das ist das, was Redakteure, die gestern gerade zufällig in der taz waren, bereit waren, öffentlich und unter Nennung ihres Namens einzugestehen. Ich gehe davon aus, dass es noch sehr, sehr viel mehr zu beichten gäbe!”
Ich gehe noch ein Stück weiter und behaupte mal: Quer über den gesamten Journalismus wäre es erheblich weniger zeitaufwendig, nur über die Fälle zu berichten, bei denen absolut keine Korruption im Spiel war, weil sie nämlich die verschwindend kleine Minderheit darstellen.
Das beginnt in sehr kleinem Rahmen schon im Lokaljournalismus, wo etwa das Fremdenverkehrsamt im Rahmen eines “Pressegesprächs” seine neue Werbebroschüre vorstellt und die Journalisten auf’s Feinste bewirtet. Schließlich muss man ja demonstrieren, dass der idyllische Urlaubsort den Gästen auch höchste gastronomische Genüsse bescheren kann. Nur zu gerne machen sich hier auch unterbezahlte freie Mitarbeiter der Zeitungen zu billigen Handlangern der Propagandisten. Der Lokalstolz verbietet es dabei häufig auch den Redaktionen, werbliche Formulierungen aus den gelieferten Berichten zu streichen.
Analog funktioniert das auch mit den Ortsverbänden der Parteien, mit Vereinen und der örtlichen Wirtschaft. Kritische Töne sind hier meist nicht opportun, weil ja sie ja zum Verlust von Anzeigenschaltungen oder massenhaften Abbestellungen von Zeitungsabos führen könnten. Objektivität? Vergessen Sie’s - die gibt’s sowieso nur in der Theorie. Im größeren Maßstab setzt sich das in landes- und bundesweiten Medien fort. Auch sie leben schließlich vom Geld der Wirtschaft - repräsentiert von PR-Abteilungen, Lobbyisten und “Pressure Groups”.
Die Redensart “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing” dürfte eigentlich auch jedem Leser, Hörer und Zuschauer geläufig sein. Trotzdem soll es noch Menschen geben, die “Testberichte” von “Fachzeitschriften” für bare Münze nehmen, falls es der Redaktion mal wieder gelungen ist, den Einfluss von “baren Münzen” auf das Testergebnis zu verschleiern.
Beispielhaft wäre da etwa der “Motorjournalismus”, dessen Antrieb häufig weniger Otto- und Dieselmotoren als mehr Gier, Gefallsucht und Bequemlichkeit sind. Sieht doch geil aus, wenn man als “Autotester” am Steuer eines italienischen Boliden irgendwo unter südlicher Sonne im Blatt abgebildet wird. Das Versprechen des Herstellers, die Modellvorstellung im Fünf-Sterne-Hotel in der Toskana mit Wein, Weib und Gesang zu flankieren, wurde auch äußerst befriedigend erfüllt (der Gesang war zwar nicht so doll, aber der Rest … Jungejunge!). Und dann konnte man nicht nur die Blu-ray-Disc mit der Produktpräsentation, sondern auch noch das Abspielgerät dazu mit nach Hause nehmen - klasse!
Die Karre frisst 25 Liter auf 100 km, ruckelt im Stadtverkehr, bleibt in jeder Tiefgarageneinfahrt hängen, kostet im Laden 200.000 Euro und 15.000 Schlappen Vollkasko im Jahr? Scheiß drauf - ich hab’ meinen Spaß gehabt und der Hersteller schaltet nächsten Monat eine 1/1-Seite in 4C! Dass der Leser dabei hinter’s Licht geführt wird, ist auch egal; er kann sich den “Traumwagen” ja sowieso nicht leisten. Klappt natürlich nicht nur mit Autos, sondern auch prima mit Ferienclubs, Büchern, Filmen, Benzinsorten, Laptops, Smartphones, Heizungsanlagen, Möbeln und mit allem, bei dem man sonst noch “nützliche Aufwendungen” (vulgo Korruption) in überteuerte Preise packen und auf die gelackmeierten Kunden abwälzen kann.
Dabei muss nicht immer Geld fließen. Manchmal genügt auch der Wink mit vermeintlich “exklusiven Informationen”, um profilierungssüchtige Journalisten zu ködern. PR-Abteilungen wissen sehr genau, dass Zeitdruck und/oder Bequemlichkeit meist dafür sorgen, dass vor der Veröffentlichung kein längerer Faktencheck oder gar eine Motivrecherche stattfindet. Zu groß ist die Versuchung, als Erster mit einer tollen Geschichte “auf dem Markt” zu sein, selbst wenn sie sich später als hanebüchen herausstellen sollte (eines der “taz”-Beispiele handelt davon).
Selbst private Blogger werden von Korruptionsversuchen nicht verschont. Jede Woche bekomme ich mindestens eine Anfrage zu einem “Link-Tausch” oder das Angebot, gegen eine zu verhandelnde Summe ein Produkt oder eine Website zu promoten - am Besten verpackt in einem vermeintlich objektiven Blogbeitrag ohne Kennzeichnung des werblichen Hintergrundes. Auch Gewinnspiele mit begehrenswerten Preisen werden offeriert. Ich kenne diverse Blogs, die das gerne nutzen - und es sind durchaus angesehene Kollegen dabei. Eigentlich eine klassische “Win-Win”-Situation: Das Blog wird durch eine spektakuläre Aktion bekannter und der Werbetreibende erreicht neue Zielgruppen, die er mit traditionellen Medien nicht mehr kriegt.
Ich möchte das auch gar nicht verteufeln, solange im Blog klar ersichtlich ist, dass bei einem Gewinnspiel, einem Artikel oder einem Link Werbung im Spiel ist und wer sie bezahlt. Kann man alles machen, schließlich kostet diese Bloggerei ja auch jede Menge Zeit und Geld. Für mein Blog habe ich aber eine andere Entscheidung getroffen. Wenn Sie bei mir eine Lobhudelei lesen, ist das mein eigener Enthusiasmus, der von keiner Gegenleistung befeuert wurde. Und wenn ich ein fragwürdiges Baumarkt-Angebot zur Sau mache, hat mich dafür kein Konkurrent bezahlt. Objektiv ist das natürlich noch lange nicht, aber wenigstens transparent.
Disclaimer: Ich habe mich in meinem langen Berufsleben in verschiedenen Medien sicher schon häufig “schuldig im Sinne der Anklage” gemacht, nicht immer absichtlich, aber teils auch vermeidbar.
Geschrieben in Fernsehen, Finanzen, Internes, Radio, Werbung, Medien, Internet, Auto & Motorrad, Journalismus | Drucken | 8 Kommentare »